Hyper-Public – ein Symposium über die Gestaltung von Privatsphäre und Öffentlichkeit in einer vernetzten Welt
Die Allgegenwärtigkeit des Netzes erfüllt den öffentlichen Raum nicht nur, das Netz erweitert ihn auch. Bewusst oder unbewusst hinterlassen wir digitale Spuren auf öffentlichen Plätzen, Straßen, Bahnhöfen, Flugplätzen, mit unseren Smartphones, Notebooks und GPS Geräten.
Die Veränderung der Privatsphäre durch Technologie war das große Thema der Hyper-Public Konferenz. Die Hyper-Public ist ein vom Berkman Center for Internet and Society der Harvard Universität organisiertes Symposium zur Gestaltung von Privatsphäre und öffentlichem Raum in einer vernetzten Welt.
Urs Gasser und Judith Donath, beides Forscher am Berkman Center, betonten in ihrer Begrüßung, dass durch die technologische Entwicklung die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Leben immer mehr verschwimmen. Urs Gasser berichtete, dass in der Schweiz im Zuge der Einführung von Google Streetview ein Gesetz zur verbesserten Anonymisierung verabschiedet wurde. Judith Donath ging einen Schritt zurück und stellte die Frage: was ist überhaupt Privatheit – und was Öffentlichkeit? So trifft man sich für Verabredungen gezielt in der Öffentlichkeit, zum Beispiel im Restaurant, obwohl man Zeit zu zweit verbringen möchte. Die Frage nach Öffentlichkeit und Privatsphäre kann also aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Bei der Hyper-Public fand eine interdisziplinäre Untersuchung des Themas statt.
Adam Greenfield, Inhaber der Agentur Urbanscale, hielt einen Vortrag über vernetzte Städte zum Programmpunkt “The Risks and Beauty of the Hyper Public Life”.
Adam Greenfield stellte dem Publikum einige Beispiele von Objekten im öffentlichen Raum vor, die unterschiedliche Ziele verfolgen und auch unterschiedlich nützlich für die Öffentlichkeit sind. Verkehrsschilder oder Straßenbauobjekte mit Bewegungsmelder betreffen Einzelpersonen in der Öffentlichkeit, haben jedoch unbestreitbar einen Nutzen für die Gemeinschaft. Eine ganz andere Art von Nutzen bietet eine neue Entwicklung: in Tokio gibt es einen digitalen Touchscreen-Getränkeautomaten, der durch eine integrierte Kamera den sich nähernden Kunden inspiziert und nach bestimmten Kriterien klassifiziert und daraufhin das Getränkeangebot anhand von Modelldaten möglichst passend zusammenstellt. Fraglich ist, ob die Kunden einen erhöhten Nutzen aus der personalisierten Getränkeauswahl ziehen, wer freilich profitiert ist eine dritte Partei: die Werbebranche. Über den digitalen Getränkeautomaten können Personendaten gewonnen werden und gleichzeitig wird quasi eine laufende Marktforschung über die Konsumentscheidung von Individuen durchgeführt.
Ein noch stärkerer Eingriff in die Privatsphäre ist eine neue Methode der Werbeanalyse. So gibt es Angebote, Kameras in der Nähe von Werbeplakaten aufzustellen, um die Passanten und deren Reaktionen auf die Werbung zu filmen und nach diversen Kriterien, zum Beispiel Geschlecht oder Alter auszuwerten. Diese Analysen beeinträchtigen die Privatsphäre von Menschen sehr stark. Adam Greenfield betont daher die Verletzlichkeit des öffentlichen Raums. Das Risiko muss abgewogen werden gegen den Nutzen, den die Gemeinschaft möglicherweise aus dem Objekt im öffentlichen Raum zieht. Trotz aller Sicherheitsbedenken ist es sinnvoll und wichtig, eine öffentliche Sphäre zu schaffen, die Kooperation und kollektive Aktionen ermöglicht.
Die technische Seite des Designs von Privatsphäre im öffentlichen Raum betrachtete Latanya Sweeney, Gastprofessorin am Harvard Center for Research on Computation and Society (CRCS) in ihrem Vortrag “The Hardest Challenges to designing Privacy Technology Solutions”.
Professor Sweeney erklärte die Verknüpfung von physikalischem Raum und Cyberspace anhand eines Beispiels: während die Zuhörer der Konferenz die nächsten Minuten physikalisch am selben Ort sind, werden gleichzeitig an vielen verschiedenen Orten im Cyberspace Informationen und Daten über sie gesammelt. Die Schwierigkeit besteht darin, dass Schutzmaßnahmen aus der physikalischen Realität, wie Mauern oder Schutzwälle, nur teilweise in den Cyberspace übertragbar sind. Das Überdenken, wie viel Privatheit im Netz gewünscht oder nötig ist, beschreibt Latanya Sweeney mit “Privacy Rethinks”.
Früher galt, dass Privates so lange automatisch privat blieb, bis man es öffentlich machte. Heute ist eher das Gegenteil der Fall: Privatsphäre muss oft willentlich herbeigeführt werden, der Standard ist zunächst per se öffentlich.
Dieser Paradigmenwechsel, der durch die Entwicklung des WWW herbeigeführt wurde, geht für jeden einzelnen und die Gesellschaft insgesamt mit einem Lernprozess einher. Zunächst muss jeder selbst entscheiden, wie er die Grenzen seiner eigenen Privatsphäre definiert. Angesichts aktueller Debatten über Google Streetview, Facebook-Parties oder die Frage, ob Medienkompetenz in Schulen unterrichtet werden sollte, ist auch die Gesellschaft als Ganzes gefragt. Das Lernen, mit dem Paradigmenwechsel umzugehen, ist für die Gesellschaft eine Herausforderung, die bestimmt nicht abschließend durch Gesetzgebung, zum Beispiel zum Datenschutz, sondern wohl nur durch die Auseinandersetzung mit neuen Entwicklungen sowie intensiven Dialog gemeistert werden kann.










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