Wir brauchen eine Vision! Wir brauchen eine dritte industrielle Revolution! – Keynote von Jeremy Rifkin
Unsere Welt steht vor immensen Herausforderungen: In einer eindringlichen Keynote beschrieb Jeremy Rifkin den Teilnehmern des 5. Dresdner Zukunftsforums seine Vision zur Lösung der weltweiten Energiekrise und identifizierte insbesondere das Internet als jenes Medium, das eine dritte industrielle Revolution einleiten könnte.

Laut Jeremy Rifkin haben wir die Höchstfördermenge an fossilen Brennstoffen bereits erreicht und durch steigende Energiepreise stößt das weltweite Wirtschaftswachstum längst an seine Grenzen. Auf eine Periode kurzfristigen Wachstums folgt mittlerweile stets eine Phase längerfristiger Rezession– und der Rhythmus, mit dem diese Zyklen auftreten, wird immer kürzer. Deshalb stellt Jeremy Rifkin die alles entscheidende Frage: Wie können wir aus diesem Teufelskreis ausbrechen? Wie können wir unsere Ressourcen intelligent nutzen, ohne unmittelbar das Ende der Spezies Mensch und der Biodiversität auf der Erde einzuleiten?
Die Antwort darauf ist: Wir brauchen eine dritte industrielle Revolution!
Energiequellen sind überall lokal verfügbar – je nach Standort können dies Wind- oder Wasserkraft, Solarenergie oder Geothermie sein. Diese erneuerbaren Energien müssen genutzt werden, insbesondere in Gebäuden, deren Ineffizienz hauptsächlich für den hohen CO2-Ausstoß verantwortlich ist. Eine nachhaltige Sanierung der Bausubstanz ist deshalb unausweichlich, genauso wie eine effiziente Speicherung der Energie, beispielsweise mittels Wasserstoff. Und jeder kann zum Wandel beitragen, so Rifkin: Kleinstproduzenten können lokale Energiequellen zum Eigenbedarf nutzen und überschüssige Energie bei Nachfrage ins Stromnetz einspeisen. So wird jeder zum Produzenten. Große Energieunternehmen von heute müssen sich in eine neue Rolle einfinden, die IT-Unternehmen schon in den 1990er Jahren gefunden haben: weg von der Produktion und hin zu Management und Networking. So lautet das Schlagwort von Rifkins Vision: distributive energy anstatt zentralisierter Energieversorger.
Wegbereiter Internet
Das Internet macht es vor: top-down-Prozesse haben dort keinen Platz. Die Energieversorgung müsse ebenso horizontal organisiert werden wie das Internet. Ebenso ist das Internet wesentlicher Bestandteil von Rifkins Lösungsstrategie: Damit lässt sich leichter denn je feststellen, wo Energie benötigt wird und wer diese bereitstellen kann. Damit könnte sich die künftige Energieversorgung über alle Grenzen hinweg setzen, so wie es das Internet bereits heute tut. Die Generation von heute denke bereits in den horizontalen Strukturen des Internets. Laut Rifkin wird dieser Gesinnungswandel auch der dritten industriellen Revolution zuträglich sein.
Und wo und wie fangen wir jetzt am besten an?
Rifkin zufolge befinden sich die Industrienationen nicht in der besten Ausgangssituation, um die dritte industrielle Revolution einzuleiten. Über Jahrhunderte gewachsene Strukturen der Energieversorgung mit zentraler Ausrichtung erschweren Neuerungen und Innovationen. Leichter wird dies Entwicklungsländern und aufstrebenden Wirtschaftsnationen fallen – darauf sollte Europa ein Auge haben. Dennoch ist sich Jeremy Rifkin, Berater nationaler Regierungen und der EU, sicher, dass sich Europa und vor allem Deutschland in einer guten Lage befinden, um die Herausforderungen zu meistern: Der Bewusstseinswandel für die Notwendigkeit einer dritten industriellen Revolution ist in den Köpfen der Politiker angekommen. Dies ist wichtig: Die Politik müsse Anreize schaffen – man könne die treibende Kraft nicht allein bei den Märkten suchen. Investitionen müssten jetzt stattfinden, der Wirtschafts- und Finanzkrise zum Trotz. Denn: „There is always money“, so Rifkin, insbesondere, wenn man den Mut für eine Vision hat und den Willen, neue Wege zu beschreiten.
Pessimist oder Optimist? Realistischer Visionär!
Trotz aller Warnungen vor einem bevorstehenden Kollaps unserer Energieversorgung und der Weltwirtschaft war die Keynote kein Anlass für Schwarzmalerei: Jeremy Rifkin präsentierte sich als realistischer Visionär mit einer eindringlichen Botschaft: Wir sind jetzt an einem Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit angekommen – es wird Zeit zu handeln, und das mit vereinten Kräften.










Sehr geehrte Herr Rifkin!
Ich hoffe im Interesse vieler Menschen das Ihre Worte spez. von der Politik gehört werden. Das schlimmste wäre in Deutschland den Leitungsausbau von Nord nach Süd voranzutreiben. Es ist nach heutigem Stand der Technik durchaus möglich genau wie auf dem Wasser im Norden, im Süden vorhandene Energiequellen zu nutzen. Egal ob aus Wind-, Wasser oder Solarenergie.Seit geraumer Zeit ist es auch möglich Strom in “Größenordnungen” sinnvoll zu speichern um z.B.Solarstrom in der Nacht zu nutzen. Wenn man in diese dezentrale Technologie investiert kann man sich alle langen Leitungswege sparen. Das diese Technologie richtig funktioniert habe ich vorgemacht und praktiziere es weiter. Leider interessiert das weder Politik noch Industrie, weil ich Handwerker bin und kein Lobbyist. Diese System im größeren Stil richtig gemanagt bedeutet den Wegfall vieler Kraftwerke nach und nach. Gerne würde ich mich mit Ihnen Herr Rifkin pers. darüber unterhalten.
Mit freundlichen Grüßen
Ingo Böttcher
Text siehe oben !
Das war wirklich ein sehr engagierter Vortrag mit klug vorgetragenen Argumenten. Lediglich der im Vortragstitel angekündigte Aspekt der empathischen Gesellschaft hat mir gefehlt. Wenn wir wirklich einen dauerhaften Bewusstseinswandel herbeiführen wollen, wird das ohne Empathie nicht gehen. Und gegen deren Erzeugung dürfte die Energieproduktion ein Kinderspiel sein.