„Knowledge is now a network!” – Keynote von David Weinberger
In seiner Keynote „Unsettling Knowledge“ ging David Weinberger der Frage nach, welche Auswirkungen Hyperlinks auf unsere westliche Wissenskultur haben. Da traditionelle Institutionen des Wissens im Begriff sind, sich zu verändern, bedarf es, so Weinberger, eines Umdenkens bezüglich der Natur und Rolle von Wissen. So legte er den Teilnehmern des 5. Dresdner Zukunftsforums seine Vision von Wissensnetzwerken dar.
Im Vergleich zu dem, was es an Informationen zu bewältigen gibt, hat der Mensch ein relativ kleines Gehirn, konstatierte David Weinberger zu Beginn seiner Keynote. Wir Menschen haben das Problem, nicht alle existierenden Informationen in unserem Gehirn speichern oder alle Prozesse, die in der Welt ablaufen, verstehen zu können. Deshalb haben wir Strategien entwickelt, dieses Wissen zu händeln. Zu diesen Strategien zählt beispielsweise, dass wir versuchen, Wissen in Büchern festzuhalten oder auf Experten zurückgreifen, die sich auf ausgewählte Themenbereiche spezialisiert haben und die in der Lage sind, uns entsprechende Fragen zu beantworten.
„Traditional institutions of knowledge” – „Systems of stopping points”
Bei beiden Formen des Wissensmanagements handelt es sich, so Weinberger, um „systems of stopping points“. Wenn wir beispielsweise die Aussage eines Experten haben, würden wir nicht mehr weiter nachfragen oder recherchieren (müssen). Ähnlich verhält es sich mit Büchern. Diese enthalten zwar Quellenangaben und Hinweise auf andere Bücher, jedoch ist es verhältnismäßig aufwendig, diesen nachzugehen: Man muss in eine Bibliothek fahren und hoffen, dass das Buch, das man sucht, präsent ist. „Books are a physically disconnected medium“, meinte Weinberger. Darüber hinaus ist das in Büchern enthaltene Wissen abgeschlossen und damit unveränderlich. „Knowledge is something settled and done because we don`t call something knowledge if people are still arguing about it.” Auf diesem Gedanken, so Weinberger, basiert das bisherige Wissensmanagement der westlichen Welt.
Mit der Entwicklung des Hyperlinks, wird eine völlig neue Form des Umgangs mit Wissen geschaffen, die den traditionellen Institutionen des Wissens in ihrer Konzeption entgegensteht. Links sind Hinweise auf weitere Stellen, hinter denen sich Wissen verbirgt und über die man mehr über das jeweilige Thema erfahren kann. Die Möglichkeiten, einfach und schnell an immer weiterführende Informationen zu gelangen, sind dabei scheinbar unbegrenzt. Damit ergibt sich aber auch für uns die Herausforderung, dass wir nicht mehr wissen, wo wir eigentlich aufhören sollen zu lesen, meinte Weinberger.
„Knowledge is now a network!”
Über die Hyperlinks ergibt sich ein äußerst vernetztes Wissenssystem. Diese so genannten Wissensnetzwerke, die unabhängig von den traditionellen Institutionen des Wissens entstehen, haben das Potenzial der Diversität des Wissens einen Raum zu geben, in dem die unterschiedlichen Ansichten abgebildet werden können und über diese diskutiert werden kann. Weinberger betonte, dass dies notwendig sei, da es in unserer vernetzten Welt selbstverständlicher Weise unterschiedliche Meinungen gibt. Wissenschaftliche Beiträge im Internet erlangen heute beispielsweise nur noch an Bedeutung, wenn sie in eine Diskussion eingebettet sind. Die Menschheit müsse aber noch lernen, mit gegensätzlichen Meinungen konstruktiv umzugehen.
„The Web is messy, connected and linked again and again.”
Menschen haben das Ziel, Dinge zu ordnen und ihnen einen Platz im System zu geben und diesen zu kennen. Auf dem Gedanken, dass alles (s)einen Platz und (s)eine Definition hat, beruht auch unser bisheriges Wissensmanagement. Das Web, so Weinberger, ist aber ganz anders konzipiert. Jeder kann Dingen beispielsweise Tags und Kategorien zuweisen. Die daraus entstehende „Ordnung“ ist oft nicht besonders genau, sondern eher durcheinander. „Network knowledge may or may not be truer about the world, it’s truer about knowing.” Die Zuordnungen können aber bei der Suche nach anderen Informationen durchaus hilfreich sein und wir müssen uns nicht mehr auf eine Klassifikation festlegen.
Des Weiteren verwies Weinberger darauf, dass das Wissen, das in den Wissensnetzwerken entsteht, niemals starr, abgeschlossen oder unveränderlich sein wird. Er bezeichnete das Wissen in den Wissensnetzwerken als „unbounded, overwhelming, unsettled, messy and linked“. Im Gegensatz dazu wäre das Wissen, das in Büchern festgehalten wird „curated, scrarce, settled, orderly and discrete“.
Beiträge im Web werden durch andere Nutzer korrigiert, verbessert und diskutiert. Sowohl die Beiträge als auch die Diskussion, die sich um sie entwickeln, ist für alle zugänglich. Das Wissen im Web ist Open Source und damit für alle zugänglich. Wissensnetzwerke zeichnen sich durch eine „Kultur des Teilens“ aus. Dass Wissen nicht mehr weitergeben oder geteilt wird, gibt es nicht mehr. Netzwerke ermöglichen es darüber hinaus jedem selbst zu bestimmen, wann, wie oft und wie stark er partizipieren möchte.
„Knowledge Networks are not a Medium!”
Weinberger betonte in seiner Keynote ausdrücklich, dass er das Internet nicht als Medium versteht, da es nicht der reinen Datenübertragung dient, sondern diese Inhalte vielmehr von uns generiert werden: „Knowledge Networks are not a Medium! We are the medium of the Internet!“
„Why did our institutions of knowledge crash up because of hyperlinks?”
Warum die traditionellen Institutionen des Wissens, die wir seit mehreren Jahrhunderten aufgebaut haben und pflegen, so anfällig auf die Entwicklung des Hyperlinks reagieren, darauf hat auch Weinberger noch keine zufriedenstellende Antwort gefunden. Ein Ansatz zur Erklärung dieser Anfälligkeit ist, dass die Charakteristiken der neuen Wissensnetzwerke mehr der Denkweise und dem Naturell des Menschen entsprechen.
Die letzten 15 Jahre haben gezeigt: „Knowledge is always social. Knowledge is always an expression of what matters to us. Knowledge is never objective.”
Knowledge and Truth
Während der anschließenden Diskussion machte Ranga Yogeshwar darauf aufmerksam, dass das Informations- und Wissensangebot im Internet inzwischen äußerst umfassend ist. Es stelle sich deshalb für ihn die Frage, wie wir perspektivisch unterscheiden können, was „wahr“ ist und was nicht. Weinberger gab zu verstehen, dass dies tatsächlich eine große Herausforderung sei, verwies aber darauf, dass es beispielsweise auch zwischen Enzyklopädien in verschiedenen Ländern bereits „unterschiedliche Wahrheiten“ gibt. Wissen sei eben nie rein objektiv. Von den Unterschieden wusste man früher jedoch vergleichsweise wenig. Durch das Web wächst die Welt in gewisser Weise zusammen und das Problem der subjektiven Wahrnehmung von Wissen wird uns direkt vor Augen geführt. Der Gewinn sei jedoch außerordentlich hoch: Wir haben die Möglichkeit, uns darüber austauschen und zu diskutieren.










Kommentare
Bitte nutzen Sie das folgende Formular, um einen Kommentar abzugeben: