Open Science – Wissenschaft in neuem Gewand?

Die Wissenschaft rückt derzeit immer stärker ins Rampenlicht. Denn sie trägt neue Kleider: Open Science lautet die Entwicklung, die der Wissenschaft von Grund auf einen neuen, frischen Look verpassen soll. Geforscht wird nicht länger hinter verschlossenen Türen, sondern auf Online-Plattformen mit den Mitteln des Web 2.0.

Open Science existiert in Anlehnung an Open Innovation – nur verlagert sich die Szenerie vom Unternehmen in die Welt der (universitären) Forschung und Wissenschaft: Forschungsergebnisse sollen möglichst früh kommentiert, ergänzt und weiterentwickelt werden. Anders als bei Konzepten wie Open Access oder Open Data geht es hier also nicht um einen möglichst breiten, frei verfügbaren Zugang zu bereits veröffentlichten Abhandlungen oder Daten, sondern um themenorientierte Zusammenarbeit während der Entstehung des Werks.

Doch wer leistet diesen Beitrag? Der interessierte Laie oder der Kollege vom Fach, die sich in digitalen Foren einbringen? Open Science durchdringt somit zwei Dimensionen: Zum einen spricht die Methode Forscher an, sich einem breiten, unkundigem Publikum zu öffnen. Zum anderen soll damit der Austausch in Fachkreisen rund um den Globus intensiviert werden.

Die Laien-Dimension

Gerne wird behauptet, Wissenschaft entstehe in für den Laien undurchsichtigen Sphären, fernab jeder Bodenhaftung – oftmals sicher zu Recht. Kann Open Science nun die Kluft zwischen Forscher und Laie überwinden? Die Antwort lautet: Ja und nein. Open Science kann in populärwissenschaftlichem Format durchaus Wissenschaft erklären und dem Laien interessante Zugänge zum jeweiligen Fachgebiet eröffnen. Webangebote wie SciLogs oder Scienceblogs versuchen diesem Anspruch gerecht zu werden. Von unschätzbarem Wert ist dies für die Rekrutierung des Wissenschaftsnachwuchses – denn Forschung lebt insbesondere von neuen Ideen der jungen Generation.

Zudem können Bürger oder Fachamateure durch kritisches Hinterfragen oder die Erhebung von Daten (Citizen Science) wertvolle und innovative Forschungsansätze für einen Experten liefern.

Dennoch stellt sich die Frage: Welcher Wissenschaftler wird im universitären Forschungsbetrieb oder in anderen Forschungseinrichtungen in regelmäßigen Abständen Zeit und Muße für populärwissenschaftliche Diskussionen auf Web 2.0-Plattformen finden? So gilt es in realistischen Maßstäben zu denken.

Für Open Science dieser Dimension braucht es nicht unbedingt das neue Mäntelchen des Web 2.0: Die langen Nächte der Wissenschaften gibt es in zahlreichen Städten Deutschlands (darunter Dresden, Nürnberg, Magdeburg oder Berlin/Potsdam). Wissenschaftler geben dort Einblicke in ihre Disziplin – und tragen nicht unerheblich dazu bei, Begeisterung für ein bestimmtes Fach zu wecken.

Die Experten-Dimension

Die Vorteile von Open Science liegen klar auf der Hand: Auf Online-Plattformen kann wissenschaftlicher Austausch die Forschung auf einem bestimmten Gebiet ungemein bereichern – frei nach dem englischen Sprichwort „Two heads are better than one“: Fachartikel werden so, bereits lange vor ihrem letzten Feinschliff, von Experten auf diesem Gebiet ergänzt oder korrigiert. Dies inspiriert zu neuen Denkansätzen und nicht nur die akademische Fachwelt rückt enger zusammen: ein Brückenschlag zwischen Akademikern und Experten aus der Praxis könnte damit gelingen.

Kleidet sich die Wissenschaft somit tatsächlich in nagelneue Gewänder? Nicht unbedingt, denn digitale Foren könnten lediglich die Funktion übernehmen, die Fachzeitschriften über Jahrzehnte hinweg erfüllten: Forschungsergebnisse zu kommentieren und weiterzuentwickeln. Allerdings ist nunmehr eine Ebene erreicht, die eine schnellere und direktere Reaktion auf einzelne Forschungsbeiträge erlaubt. Auf den ersten Blick scheint die Open Science-Bewegung somit traditionellen Vertriebswegen und Verlagshäusern das Wasser abzugraben. Ungelöst bleibt bisher jedoch die Herausforderung, wer den internationalen Wissensaustausch koordiniert: Dieser Aufgabe können sich durchaus eingesessene Verlagshäuser, aber auch neue Anbieter stellen.

So bereichernd die unmittelbare Kommentierung und Ergänzung sein mag – sie stößt auch an gewisse Grenzen: Zum einen beispielsweise könnte durch vorzeitige massive Kritik eine wissenschaftliche Fragestellung noch vor ihrer Ausgereiftheit im Sande verlaufen – denn so mancher innovative Gedanke stellt sich erst nach eingehender Forschung ein. Zum zweiten ist bei einer ad hoc-Kooperation von mehreren Wissenschaftlern fraglich, auf wen die zündende Idee zurückzuführen ist und ob es diesem Ideengeber gebührt, in der Veröffentlichung genannt zu werden, auch wenn er nur einen quantitativ kleinen Part erfüllt hat – und schon findet man sich inmitten der derzeit tobenden Urheberrechtsdebatte wieder.

Sind wir vielleicht gar auf dem Weg dazu, dass Forschung künftig niemandem mehr konkret zugeordnet werden kann?

Entscheidend ist: Gefällt das neue Gewand?

Entscheidend wird sein, ob der Wissenschaft die neuen Kleider mit dem Open Science-Logo gefallen. Deshalb basiert – wie bei vielen Neuerungen – die Akzeptanz von Open Science auf einem Gesinnungswandel unter Akademikern und Fachleuten. Denn ist ein Forscher grundsätzlich abgeneigt, in einen fachlichen Austausch zu treten, dann wird er sich auch nicht diesen neuen Mantel überwerfen.

Weiter zu ergründen wäre dabei aber vor allem, wie die Einstellung der einzelnen Forschungsdisziplinen zu Open Science variiert – angefangen von den Geistes- bis hin zu den Naturwissenschaften. Zumal eine akademische Karriere heutzutage hauptsächlich immer noch von einer Vielzahl an Veröffentlichungen in renommierten Fachmagazinen und Foren abhängt.

Innovative Gedanken nicht zu teilen, sondern zu horten, ist somit ein wesentlicher Bestandteil des Wissenschaftssystems. Diese verkrusteten Strukturen zu lösen kann sich aber alles andere als einfach erweisen. So bleibt Open Science ein großer Themenkomplex, dessen Potenziale bei Weitem noch nicht ausgelotet sind.

Zusätzliche Unterstützung erfährt die Open Science-Bewegung derzeit von der Europäischen Kommission. Diese hält alle Wissenschaftler, deren Forschung mit EU-Geldern finanziert wurde, dazu an, ihre Ergebnisse nach Open Access-Kriterien zu veröffentlichen – ein erster großer Schritt in Richtung Open Science.

Kommentare

Es gibt 2 Kommentare zum Artikel “Open Science – Wissenschaft in neuem Gewand?”.

  1. RalfLippold (21.08.2012, 14:09 Uhr)

    Thanks a lot for this excellent article on OpenScience offering many handles on what has to be changed in the German science & research context (if, and only if it is wished from academics, politics, and business partners to create in short time viable startups from the knowledge that is based especially in Dresden, and Saxony).

    Been invited to the Open Science Summit 2011 in Mountain View it was impossible to raise money as an individual to make the trip possible, in order to learn about the dynamics in the Silicon Valley, not just the pure internet app startups.

    Crowdfunding, of which http://seedmatch.de based in Dresden is a good example of accelerating new business ideas uncoupled from public funding and bank finance (stepping in when the business is running already smoothly for 3-4 years).

    In September a Silicon Valley business strategist will visit Dresden, so this could offer new opportunities for startups, entrepreneurs, and SMEs in the region to learn first hand, pretty much in an OpenScience approach. Save the dates 22nd – 26th, and stay tuned – link to coming newsletter being also posted here, in order to gain up-to-date information.

    Some background: http://bizdesigndd.blogspot.de/search/label/OpenScience

  2. Steffen Peschel (13.09.2012, 13:02 Uhr)

    Open Science mit dem Bild eine Mantels, den man sich umwerfen könne, zu beschreiben, ist ein Widerspruch, wenn sie gleichzeitig beschreiben, dass die Akzeptanz von Open Science auf einem Gesinnungswandel unter Akademikern und Fachleuten basiert. Eine Gesinnung ist eine INNERE Haltung, die mit einem ÄUSSEREN Mantel nicht wirklich verbildlicht ist.

    Das ganze Thema passiert im übrigen vorwiegend im Bereich der Kommunikation. Kommunikation zu beschreiben, ist erst mal nur eine Betrachtung der Zugänglichkeit und der Art des Transportes von Inhalten. Um wirklich eine Aussage machen zu können, was denn nun besser ist, das Bisherige oder das Neue, muss man schauen, welche Auswirkungen eine Kommunikationsform hat. Spätestens auf dieser Ebene habe ich persönlich meine Zweifel, dass Open Science als “digitale Foren” zu beschreiben sind, die lediglich die Funktion übernehmen, die Fachzeitschriften über Jahrzehnte hinweg erfüllten […]“.

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