Rückblick 2005
Am 10. Juni 2005 fand im Hotel Bellevue das “1. Dresdner Zukunftsforum” statt. Auf Einladung von T-Systems Multimedia Solutions unternahmen über 200 Teilnehmer aus zehn Nationen einen Streifzug durch das Leben in der digitalen Welt. Experten aus unterschiedlichen Fachgebieten sprachen über den Übergang zum allgegenwärtigen Netz (Extended Internet), über die Entwicklung zum allgegenwärtigen Computer und über die damit verbundene fortschreitende Informatisierung unseres Alltags.
Neben der Technologie standen vor allem die Auswirkungen ihres Einsatzes im Vordergrund. Wie wird diese Entwicklung unser Leben und unsere Arbeitswelt beeinflussen? Was ist nötig, um uns Menschen auf das Leben in einer digitalisierten Welt vorzubereiten? Welche Aufgaben kommen zum Beispiel auf unser Bildungswesen zu? Welche Geschäftsmodelle sind sinnvoll, welche Standards sind nötig? Auch wenn diese Fragen im Rahmen einer eintägigen Veranstaltung nur schlaglichtartig behandelt werden können – schnell stand fest, dass die hier vorgestellten Themen für viel Gesprächsstoff und -bedarf gesorgt haben und weiterhin sorgen werden.
Michelle de Lussanet
Michelle de Lussanet, Chefanalytikerin des Europäischen Geschäftsbereichs Telekommunikation und Mobilfunk bei Forrester Research, formulierte in ihrer Keynote Speech die fundamentale These, dass kein Wirtschaftsunternehmen in Zukunft erfolgreich sein kann, wenn es sich nicht auf die Entwicklung des Extended Internet einstellt und versucht, dieses in seine Geschäftsmodelle einzubeziehen. Sie stellte fest, dass dieses neue Internet, das nicht mehr nur Computer, sondern bald alle Dinge des Alltags miteinander vernetzen soll, vielerorts schon realisiert wird.
Dr. Andreas Schleicher
Dr. Andreas Schleicher, Leiter der Indikatoren- und Analyse-Abteilung des Direktorats für Bildung in der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) und unter anderem zuständig für das als PISA-Studie bekannte “Programme for International Student Assessment”, hob hervor, dass ein Land wie Deutschland in punkto Bildung um so viel besser sein muss, wie es teurer als andere Länder ist. Nie zuvor waren die Chancen, die sich aus einem hohen Bildungsniveau ergeben, so groß, gleichzeitig aber waren auch die Risiken niedriger Bildung nie zuvor größer. Weiterhin stellte er fest, dass unser Bildungswesen heute um vieles weiter sein könnte, wenn das Wissen der hier Beschäftigten vernetzt sein würde. Durch Informationstechnologie müssen neue Lernumgebungen geschaffen werden, die ein vernetztes Lernen von Zuhause, der Schule oder der Bibliothek aus ermöglichen. Die heutige Vermittlung von Wissen nach dem Prinzip “Just in case”, muss von einer Wissensvermittlung nach dem Prinzip “Just in time” bzw. “Just form me” abgelöst werden. Die hierfür erforderliche Individualisierung des Lernens schafft ungeahnte Potenziale für den Einsatz moderner Technologie wie bspw. das Internet.
Dr. Eilif Trondsen
In den folgenden Gesprächsrunden präsentierte Dr. Eilif Trondsen, Leiter des Learning-On-Demand-Programms von SRI Consulting Business Intelligence, einer Ausgründung des Stanford Research Institutes, ein E-Learning-Framework, dass Knowledge Management, Simulation, Gaming und E-Learning in unterschiedlichster Form zusammenführt. Er führte weiter aus, dass sich das bislang eher formell geprägte Lernen zum Informellen entwickeln wird, und erklärte, dass das Extended Internet das geeignete Kommunikationsinstrument ist, um Netzwerke informellen und individuellen Lernens entstehen zu lassen.
Kurt Albert
Kurt Albert, Alpinist von Weltruhm, und Steffen Prasse, Programm-Manager bei T- Systems Multimedia Solutions, offenbarten in ihrer Gesprächsrunde erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen dem Bergsteigen und dem Management von Programmen, zum Beispiel bei der Verteilung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten im Team.
Stephan Schambach
Stephan Schambach, Geschäftsführer der Demandware, Inc., hob hervor, dass sich die beiden Megatrends “Open Source” und “Software as a Service” verbinden und traditionelle Software-Entwicklung, Lizenz- und Vertriebsmodelle obsolet werden lassen.
Prof. Gerhard Banse
Prof. Gerhard Banse, Fraunhofer-Anwendungszentrum für Logistiksystemplanung und Informationsprozesse, legte prinzipiell dar, was Technologiefolgenabschätzung ist, und erläuterte ihre Methoden. Er hob hervor, dass die Abschätzung von Technologiefolgen auf drei Ebenen zu diskutieren ist: auf der Ebene des Individuums, auf der Ebene von Firmen und Institutionen und für die gesamte Gesellschaft.
Eberhard Burger
Eberhard Burger, Baudirektor beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche, hob im Projektgespräch mit Dr. Klaus Radermacher, Geschäftsführer von T-Systems Multimedia Solutions, hervor, dass Transparenz, Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit, offene Kommunikation und Einbeziehung aller Leistenden, die das Gesamtprojekt verstanden haben müssen, der Garant für den Erfolg und die hohe Akzeptanz des Projektes ist. Klassisches, formelles, lineares Projektmanagement genügte nicht den Ansprüchen der komplexen Rekonstruktion der Frauenkirche. Der mit seinem Team vernetzte Projektleiter, der ständig neu auftauchende Probleme konkret löst, war hier von entscheidender Bedeutung.
Prof. Karsten Buse
Prof. Karsten Buse, Inhaber des Heinrich-Hertz-Stiftungslehrstuhls der Deutschen Telekom AG für Kommunikationssensorik an der Universität Bonn, zeigte an ausgewählten Themen (wie zum Beispiel die Speicherung von Informationen auf der Ebene von Atomen), dass die Entwicklung zur Beschaffung, Übertragung, Speicherung und Darstellung von Informationen weiterhin in Quantensprüngen erfolgen wird.
Die gehörten Beiträge machten deutlich, dass wir am Anfang einer Entwicklung stehen, die die Gesellschaft verändern wird. Der Fortschritt ist inzwischen an einem Punkt angelangt, an dem es möglich ist, Alltagsgegenstände jeder Art mit modernster Informationstechnologie auszurüsten und ihnen so “intelligente” Eigenschaften zu verleihen. Wie sich eine derart tief greifende Informatisierung unseres Alltags langfristig auswirken wird, ist heute in vollem Umfang kaum absehbar. Eine Auseinandersetzung im Sinne einer Technikfolgenabschätzung ist im Zusammenhang mit dem Extended Internet noch selten zu beobachten. Die sich bietenden Aussichten scheinen die breite Öffentlichkeit noch nicht zu beschäftigen. Ein Grund hierfür könnte sein, dass der alltägliche Einsatz von Informationstechnologie fast unmerklich voranschreitet, so dass oft erst der Ausfall einer Technologie ihr Vorhandensein bewusst macht. Unzählige Anwendungsgebiete “intelligenter” Alltagsgegenstände sind denkbar. Welche davon zum Einsatz kommen, entscheidet sich weniger aufgrund ihrer technischen Machbarkeit, sondern vielmehr daran, ob sie wirtschaftlich sinnvoll und gleichzeitig rechtlich und moralisch vertretbar sind. Langfristig ergeben sich durch diese Anwendungsbreite viele Herausforderungen, beispielsweise auch im regulatorischen Bereich, im Bezug auf die Zuverlässigkeit der eingesetzten Technologie oder hinsichtlich des Schutzes der Privatsphäre.
Prof. Peter Glotz
Die heutige Veranstaltung hat uns den Diskussionsbedarf im Zusammenhang mit der zunehmenden Informatisierung unseres Alltags deutlich gemacht. Umso erfreulicher die Ankündigung, dass T-Systems Multimedia Solutions eine Fortsetzung des “Dresdner Zukunftsforums” plant. Durch die Veranstaltung führte Prof. Peter Glotz, Direktor am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Peter Glotz starb in Zürich im August 2005.
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