Die Bibliothek der Zukunft – wie und wo werden wir wissen?

In der Antike war die Bibliothek von Alexandria im heutigen Ägypten der leuchtende Stern am Firmament der Wissenschaft. Ihr unschätzbares Wissen ging jedoch mit ihrer Zerstörung verloren – wann genau, lässt sich heute nicht mehr beziffern, zu widersprüchlich äußern sich historische Quellen über den Zeitpunkt ihres Untergangs. Ob die Bibliothek von heute auch dem Niedergang geweiht ist, wird sich künftig noch herausstellen. Fakt ist jedoch, dass die Bibliotheken mit der fortschreitenden Digitalisierung unseres Wissens einem starken Wandel ausgesetzt sind und folglich ihre Rolle neu definieren müssen.

Waren die Bibliotheken vor den Zeiten des Internets ein quasi heiliger Ort, wo das Wissen in Büchern schlief und nur dort von Forschern geweckt werden konnte, scheinen diese langsam obsolet zu werden: elektronische Formate wie E-Books und die Schwarmintelligenz des World Wide Web setzen den geheiligten Stätten immer mehr zu. Umdenken ist deshalb das Wort der Stunde: Geschehen kann dies auf mehreren Ebenen, wie einige Beispiele zeigen.
Zum einen wird versucht, die Neugier der Leser für das digitale Zeitalter zu wecken. So stellt die französische Nationalbibliothek seit 2010 experimentierfreudigen Besuchern in ihrem Labo(-ratorium) verschiedene Anwendungen vor: technische Innovationen – wie digitale Tinte, übergroße taktile Bildschirme zur Themenrecherche oder einfach nur Lesegeräte für das E-Book – können dort ausprobiert werden.
Zum anderen setzen die Bibliotheken darauf, ihren Nutzern einen breiten Zugang zu elektronischen Informationen zu ermöglichen – in Deutschland hauptsächlich über Onleihe. Denn E-Books, E-Audio-Inhalte und E-Newspaper erobern ein immer größeres Publikum. Konfliktpotenzial birgt dies reichlich. Verlagshäuser und Urheber fürchten im Falle uneingeschränkter Kopien um ihre Einnahmen. Ein US-amerikanisches Verlagshaus hat der unbegrenzten digitalen Ausleihe seiner Publikationen in Bibliotheken bereits einen Riegel vorgeschoben: maximal 26 Mal können E-Books gelesen werden; danach muss die Bibliothek eine neue Lizenz für das Werk erwerben. Der Deutsche Bibliotheksverband, die Vereinigung von über 2.000 Bibliotheken in Deutschland, bemüht sich um einen Kompromiss mit den Verlagshäusern. Er fordert zwar einen möglichst unlimitierten Austausch von wissenschaftlichen Publikationen – über Open-Access-Plattformen sollen Forscher ihre Paper zugänglich machen – allerdings erst nachdem seit der Verlagsveröffentlichung etwas Zeit verstrichen ist. Außerdem treibt er die Digitalisierung von Werken voran, die bisher nur in Print vorliegen.
Neben dem „Wie“ des Wissenserwerbs gerät die Frage nach dem „wo“ immer stärker in den Vordergrund: welche Anforderungen müssen Räumlichkeiten von Bibliotheken erfüllen, um selbst dann noch genutzt zu werden, wenn man überall auf das digitalisierte Wissen zugreifen kann? Neue Konzepte schöpfen vor allem aus einem Mix aus traditioneller Bibliothek inklusive digitaler Bibliothekseinrichtung, Lesesaal, sozialem Treffpunkt, sowie Freizeit- und Kulturzentrum mit kulinarischen Angeboten. Egal ob Universitäts-, Kinder- und Jugendbibliothek oder öffentliche Sammlung, es gibt viele Wege, die Bibliothek von morgen den Bedürfnissen ihrer Nutzer anzupassen – sie müssen nur noch gegangen werden, und dies möglichst bevor die Bibliotheken ein neues Alexandria ereilt.

Beim 5. Dresdner Zukunftsforum wird David Weinberger – Autor, Kolumnist und Senior Researcher zur Bibliothek der Zukunft am Harvard Library Innovation Lab – in seinem Keynote-Vortrag über den digitalen Wandel in der modernen Wissensgesellschaft referieren. Mehr Information finden Sie hier.